9 Min. Lesezeit Phillip Fickl

ElWG: Viertelstundenwerte werden Standard in Österreich

Am 11. Dezember 2025 hat der österreichische Nationalrat das neue Elektrizitätswirtschaftsgesetz (ElWG) beschlossen. Eine der weitreichendsten Änderungen betrifft die Viertelstundenwerte: Sie werden vom Opt-in zum Standard. Für Energiedienstleister, Gebäudemanager und Softwareentwickler öffnet das eine Datenbasis, die bisher nur einem Bruchteil der Marktteilnehmer zur Verfügung stand.

Dieser Artikel erklärt, was sich konkret geändert hat, welche Zahlen dahinterstehen und was das für Unternehmen bedeutet, die mit Energiedaten arbeiten.

Was hat sich geändert? Das ElWG im Überblick

Der Paradigmenwechsel: Vom Opt-in zum Opt-out

Bisher galt in Österreich ein Opt-in-Modell für Viertelstundenwerte. Wer wollte, dass sein Smart Meter den Stromverbrauch in 15-Minuten-Intervallen aufzeichnet und überträgt, musste das aktiv beim Netzbetreiber beantragen. Wer nichts tat, bekam nur Tageswerte.

Das neue ElWG dreht dieses Prinzip um. Viertelstundenwerte sind jetzt der Standard für alle Smart Meter in Österreich. Kunden, die das nicht wollen, müssen aktiv widersprechen (Opt-out). Die Hürde liegt also nicht mehr beim Aktivieren, sondern beim Deaktivieren.

Vorher: Kein aktives Handeln = keine Viertelstundenwerte. Nachher: Kein aktives Handeln = Viertelstundenwerte laufen automatisch.

Prioritäts-Rollout: Wer zuerst?

Das Gesetz sieht einen gestaffelten Rollout vor. Zuerst werden die Viertelstundenwerte bei jenen Verbrauchern aktiviert, die am meisten davon profitieren:

  • PV-Anlagenbesitzer — für die Optimierung des Eigenverbrauchs und die Einspeisevergütung
  • Wärmepumpen-Nutzer — für die Laststeuerung und die Nutzung günstiger Tarifzeiten
  • Mitglieder von Energiegemeinschaften — für die korrekte Zuordnung von Erzeugung und Verbrauch innerhalb der Gemeinschaft

Diese Priorisierung ist sinnvoll: Genau diese Gruppen benötigen granulare Daten, um ihre Anlagen und Geschäftsmodelle wirtschaftlich zu betreiben. Der restliche Rollout auf alle Smart Meter folgt anschließend.

Die Zahlen: Warum das ein Wendepunkt ist

6,53 Millionen Smart Meter — und bisher nur 12,6 % mit Viertelstundenwerten

Österreich hat den Smart-Meter-Rollout weitgehend abgeschlossen. Die Zahlen der E-Control (Stand Ende 2024) sprechen für sich:

  • 6,74 Millionen Zählpunkte fallen unter die Rollout-Verpflichtung
  • 6,53 Millionen (96,9 %) davon haben bereits einen Smart Meter installiert
  • 6,06 Millionen (94 %) sind kommunikativ — das heißt, sie übertragen aktiv Daten

Von diesen 6,53 Millionen Smart Metern hatten bisher allerdings nur rund 760.000 die Viertelstundenwerte aktiviert. Das entspricht etwa 12,6 %. Der Grund: Das Opt-in-Modell stellte eine hohe Hürde dar. Viele Verbraucher wussten nicht einmal, dass die Option existiert, oder sahen keinen unmittelbaren Nutzen darin, sie zu aktivieren.

Was das für die Datenverfügbarkeit bedeutet

Mit dem Wechsel zum Opt-out-Standard ändert sich die Ausgangslage grundlegend. Statt 760.000 Zähler mit Viertelstundenwerten stehen potenziell über 6 Millionen Zählpunkte zur Verfügung. Das ist ein Sprung von 12,6 % auf potenziell über 95 % aller Zählpunkte.

Für den österreichischen Energiemarkt bedeutet das: Viertelstundenwerte sind kein Nischenprodukt mehr, sondern ein flächendeckender Datenstandard. Österreich wird damit zu einem der datenreichsten Energiemärkte Europas auf Verbraucherebene.

Mehr zu Smart Metern in Österreich finden Sie in unserem Smart Meter Leitfaden.

Sommer-Sonnenrabatt: Der erste konkrete Anwendungsfall

Eine der greifbarsten Neuerungen des ElWG ist der sogenannte Sommer-Sonnenrabatt: ein Rabatt von 20 % auf die Netznutzungsentgelte, der von April bis September gilt, jeweils zwischen 10:00 und 16:00 Uhr.

Die Logik dahinter: In den Sommermonaten produzieren PV-Anlagen über Mittag mehr Strom, als das Netz benötigt. Der Rabatt soll Verbraucher motivieren, ihren Verbrauch in genau diese Stunden zu verlagern — etwa durch das Laden von Elektroautos, den Betrieb von Wärmepumpen oder das Einschalten von Waschmaschinen und Geschirrspülern.

Voraussetzung für den Rabatt: Es müssen Viertelstundenwerte vorliegen. Ohne 15-Minuten-Daten lässt sich nicht nachweisen, dass der Verbrauch tatsächlich im begünstigten Zeitfenster stattgefunden hat. Der Sommer-Sonnenrabatt ist damit auch ein finanzieller Anreiz für Endkunden, die Standardeinstellung nicht zu deaktivieren.

Für Energiedienstleister ergibt sich daraus eine konkrete Möglichkeit: Kunden proaktiv über den Rabatt informieren, Verbrauchsverschiebungen empfehlen und den tatsächlichen Nutzen der Viertelstundenwerte sichtbar machen.

Datenzugang für Dritte: Was seit April 2025 gilt

Berechtigte Dritte erhalten automatisch die feinste Granularität

Seit April 2025 gilt eine weitere wichtige Regelung: Wenn ein Endkunde einem Drittanbieter Zugang zu seinen Smart-Meter-Daten gewährt, erhält dieser automatisch die feinste verfügbare Auflösung. Hat der Zähler Viertelstundenwerte aktiviert, bekommt der Drittanbieter Viertelstundenwerte. Ein separater Opt-in für die Granularität ist nicht mehr nötig.

Das vereinfacht den Datenzugang erheblich. Ein einziger Consent genügt, um die bestmögliche Datenqualität zu erhalten. Für API-Nutzer bedeutet das: Die Daten, die über die EDA-Infrastruktur geliefert werden, kommen bereits in der feinsten verfügbaren Auflösung an.

Der EDA-Prozess: So funktioniert die Datenfreigabe technisch

Die Datenfreigabe an Dritte läuft über das EDA-Netzwerk (Energiewirtschaftlicher Datenaustausch). Der Prozess ist standardisiert, aber technisch anspruchsvoll:

  1. Der Dienstleister stellt eine Consent-Anfrage über das EDA-Netzwerk an den zuständigen Netzbetreiber.
  2. Der Endkunde bestätigt die Freigabe über das Portal seines Netzbetreibers.
  3. Nach Bestätigung beginnt die tägliche Datenlieferung (T-1) an den Dienstleister.

Die Herausforderung liegt in der Fragmentierung: Über 120 Netzbetreiber in Österreich, jeder mit eigener Infrastruktur, eigenen Antwortzeiten und eigenen Portalen. Die Kommunikation läuft über das AS4-Protokoll, verschlüsselt und zertifikatsbasiert. Für ein einzelnes Unternehmen bedeutet eine eigene EDA-Anbindung erheblichen Aufwand in Aufbau und laufender Wartung.

Was bedeutet das für Ihr Geschäft?

Die Kombination aus flächendeckenden Viertelstundenwerten und vereinfachtem Drittzugang eröffnet konkrete Geschäftsmöglichkeiten. Was davon relevant ist, hängt von Ihrer Branche ab.

Energiedienstleister und EVUs

Mit Viertelstundenwerten als Standard wird eine Reihe von Produkten und Dienstleistungen möglich, die bisher an der Datenverfügbarkeit scheiterten:

  • Dynamische und zeitvariable Tarife — Preismodelle, die den tatsächlichen Verbrauchszeitpunkt berücksichtigen, setzen granulare Messdaten voraus. Mit 15-Minuten-Werten als Standard lassen sich solche Tarife flächendeckend anbieten.
  • Genauere Lastprognosen — Viertelstundenweise Auflösung verbessert die Vorhersagequalität erheblich. Das wirkt sich direkt auf Beschaffungskosten und Bilanzkreismanagement aus.
  • Verbrauchsoptimierung als Dienstleistung — Zeigen Sie Ihren Kunden, wann sie wie viel Strom verbrauchen — und geben Sie konkrete Einsparempfehlungen.

Mehr dazu auf unserer Seite für Energiedienstleister.

Gebäudemanager und Facility Management

Für Gewerbeimmobilien und größere Gebäudeportfolios bringen Viertelstundenwerte einen qualitativen Sprung im Energiemanagement:

  • Laufendes Monitoring auf 15-Minuten-Basis — Verbräuche lassen sich nicht mehr nur monatsweise, sondern im Tagesverlauf analysieren. Anomalien und Lastspitzen werden sichtbar, bevor sie die Jahresabrechnung belasten.
  • Identifikation von Optimierungspotenzialen — Wann laufen Klimaanlagen auf Volllast? Gibt es Verbrauch außerhalb der Betriebszeiten? 15-Minuten-Daten beantworten diese Fragen.
  • Nachweis für ESG-Reporting und Energieaudits — Granulare, auditfähige Verbrauchsdaten erleichtern die Dokumentation gegenüber Investoren und Regulierungsbehörden.

Mehr dazu auf unserer Seite für Gebäudemanagement.

Software-Entwickler und Produktteams

Für Teams, die Energieprodukte bauen, löst die neue Datenverfügbarkeit ein zentrales Problem: den fehlenden Zugang zu standardisierten, granularen Verbrauchsdaten.

  • Standardisierte Datenquelle — Statt proprietärer Integrationen oder manueller Datenerfassung gibt es jetzt eine breite Basis an 15-Minuten-Daten, die über das EDA-Netzwerk abrufbar sind.
  • Kein Aufbau eigener Infrastruktur nötig — Die direkte Anbindung an über 120 Netzbetreiber ist komplex und wartungsintensiv. Plattformen, die diese Komplexität abstrahieren, ermöglichen einen schnelleren Markteintritt.

Mehr dazu auf unserer Seite für Entwickler.

Wie Sie Viertelstundenwerte nutzen können — konkret

Die Herausforderung: 120+ Netzbetreiber, eine fragmentierte Infrastruktur

Datenverfügbarkeit allein reicht nicht aus. Dass 6 Millionen Zähler Viertelstundenwerte liefern, hilft wenig, wenn der Zugang zu diesen Daten technisch aufwändig ist. Und das ist er.

Österreich hat über 120 Verteilernetzbetreiber. Jeder betreibt seine eigene Infrastruktur, jeder hat eigene Antwortzeiten und Eigenheiten bei der Implementierung des EDA-Standards. Die Kommunikation läuft über regulierte Protokolle (AS4), nicht über Standard-REST-APIs. Wer direkt anbinden will, braucht spezialisierte Software, Zertifikate und kontinuierliches Monitoring.

Für die meisten Unternehmen ist dieser Aufwand unverhältnismäßig — besonders wenn Energiedaten ein Baustein in einem größeren Produkt sind und nicht das Kerngeschäft. Einen tieferen Einblick in diese Problematik gibt unser Artikel Warum Sie Smart-Meter-Daten automatisieren sollten.

energiedaten.at: Eine API für alle Zählpunkte

energiedaten.at ist eine B2B-SaaS-Plattform, die den Zugang zu österreichischen Smart-Meter-Daten über eine einheitliche Schnittstelle ermöglicht. Die Plattform ist an alle österreichischen Netzbetreiber über das EDA-Netzwerk angebunden und übernimmt die gesamte technische Komplexität: Protokollkommunikation, Consent-Management, Datenvalidierung und -normalisierung.

Statt sich mit über 120 verschiedenen Netzbetreiber-Systemen auseinanderzusetzen, erhalten Sie die Daten über eine einzige API — als JSON, per Webhook oder als CSV. Die Verbrauchsdaten des Vortages stehen täglich (T-1) zur Verfügung.

Informationen zu Funktionsumfang und Preisen finden Sie auf unserer Preisseite.

Ausblick: Was kommt als Nächstes?

Das ElWG setzt den regulatorischen Rahmen. Die Umsetzung wird 2026 schrittweise erfolgen. Zunächst werden die Netzbetreiber den Prioritäts-Rollout für PV-Anlagenbesitzer, Wärmepumpen-Nutzer und Energiegemeinschafts-Mitglieder durchführen. Danach folgt die breite Umstellung aller übrigen Smart Meter auf Viertelstundenwerte als Standard.

Parallel werden die durch das ElWG definierten neuen Marktrollen an Bedeutung gewinnen: Aggregatoren, die Erzeugung und Lasten bündeln; Flexibilitätsdienstleister, die Netzengpässe und Bilanzierung koordinieren; Organisatoren, die gemeinschaftliche Energienutzung verwalten. All diese Rollen sind auf granulare Verbrauchsdaten angewiesen.

Die Geschäftsmodelle, die auf Viertelstundenwerten aufbauen, stehen am Anfang. Dynamische Tarife, Lastoptimierung, prädiktive Wartung, automatisierte ESG-Berichterstattung — die Datenbasis dafür wird gerade geschaffen. Unternehmen, die sich jetzt mit der Dateninfrastruktur auseinandersetzen, werden einen Vorsprung haben, wenn die Viertelstundenwerte flächendeckend verfügbar sind.

Häufig gestellte Fragen

Was sind Viertelstundenwerte?

Viertelstundenwerte sind Messwerte des Stromverbrauchs, die alle 15 Minuten erfasst werden. Ein Smart Meter mit aktivierten Viertelstundenwerten erzeugt 96 Datenpunkte pro Tag (24 Stunden × 4 Intervalle). Diese Auflösung ermöglicht die Analyse von Lastprofilen, die Zuordnung von Verbrauch zu bestimmten Tageszeiten und die Grundlage für zeitvariable Tarife. Ohne Viertelstundenwerte liefert ein Smart Meter in der Regel nur einen aggregierten Tageswert.

Muss ich als Kunde etwas tun?

Nein. Durch das neue ElWG werden Viertelstundenwerte automatisch zum Standard. Wenn Sie bereits einen Smart Meter haben, wird die Viertelstunden-Aufzeichnung automatisch aktiviert — zunächst bei PV-Anlagenbesitzern, Wärmepumpen-Nutzern und Mitgliedern von Energiegemeinschaften, danach schrittweise bei allen übrigen Zählpunkten. Wenn Sie das nicht möchten, können Sie beim Netzbetreiber aktiv widersprechen (Opt-out). Für die meisten Verbraucher gibt es keinen Grund dafür: Die Daten ermöglichen den Sommer-Sonnenrabatt und andere Vorteile.

Wie bekomme ich als Unternehmen Zugang zu Viertelstundenwerten?

Als berechtigter Dritter erhalten Sie Zugang über das EDA-Netzwerk. Der Endkunde muss der Datenfreigabe über das Portal seines Netzbetreibers zustimmen. Nach Erteilung des Consents werden die Daten täglich (T-1) geliefert. Sie erhalten automatisch die feinste verfügbare Auflösung — also Viertelstundenwerte, sofern diese am Zähler aktiviert sind. Alternativ können Sie Plattformen wie energiedaten.at nutzen, die die EDA-Anbindung übernehmen und die Daten über eine standardisierte API bereitstellen.

Was ist der Sommer-Sonnenrabatt?

Der Sommer-Sonnenrabatt ist eine Reduktion der Netznutzungsentgelte um 20 %, die von April bis September gilt, jeweils zwischen 10:00 und 16:00 Uhr. Er soll Verbraucher motivieren, ihren Stromverbrauch in die sonnenreichen Mittagsstunden zu verlagern, wenn PV-Anlagen viel einspeisen. Voraussetzung: Am Zählpunkt müssen Viertelstundenwerte vorliegen, damit der Verbrauch zeitgenau zugeordnet werden kann.

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